Unser Bild des Kindes

(Auszug)

Ein Kind ist ein ganzer, vollkommener Mensch. Groß und rund und wunderbar. Seine Würde und Rechte sind unantastbar.

Das Kind kommt als offen entwickeltes Wesen auf die Welt. Es wird vertraut mit sich selbst als Mensch und es findet sich langsam in seiner Umgebung ein. In seinem Körper und seinen Sinnen, in seinem Gefühl und Mitgefühl und in seinen Zugängen zur Welt.

Die Fähigkeiten jedes Menschen liegen als Samen in ihm verborgen. Das Kind verfügt über reichhaltige Anlagen und Potenziale. Tief in sich trägt es die Kraft, sich zu entfalten. Es reift und wächst aus sich heraus. Genau so soll es wachsen dürfen und sich nicht verändern müssen. Ja, Wachstum ist vielschichtig. Es ist ein Wunder!

Die Lebensgeschichte eines Kindes, seine Persönlichkeit, sein aktuelles Wohlbefinden, die Tageszeit, sein körperlicher und psychischer Zustand, sein Alter, sein Entwicklungsstand, seine Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen, sein Geschlecht, seine genetischen Prägungen, sein geschlechtsspezifisches, soziales, ethnisches und weltanschauliches Eingebunden-Sein, seine Bedürfnisse, seine Interessen, seine Lebenssituation, seine Umgebung und deren Atmosphäre und die Vielfalt der Menschen, all diese Faktoren prägen die Lebenswelt eines Kindes.

Das Kind hat ein angeborenes Bedürfnis, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Sichere Bindungen zu ihm vertrauten Bezugspersonen und Bindungserfahrungen, die es ein Leben lang begleiten, erachten wir als wertvoll. Seine Bedürfnisse erfüllt sich das Kind gerne in einfühlenden Herzens-Verbindungen mit anderen Menschen.

Ein Kind verfügt über die Bereitschaft, die Fähigkeit, die Neugier und das Interesse, seine Erfahrungsprozesse selbst zu gestalten und sich mit dem auseinanderzusetzen, was ihm in seiner Umwelt begegnet. Wir sehen das Kind als sinnsuchenden, schöpferisch tätigen und lernenden Menschen, der von sich aus nach Verbindung und Veränderung sucht.

Ein Kind entwickelt sich in seiner eigenen, in ihm angelegten Geschwindigkeit und auf seine ganz individuelle Art und Weise. Entwicklung, Wachstum und Bildung eines Kindes hin zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit geschehen in einem höchst individuellen Prozess.

Ein Kind entwickelt ein eigenes Weltbild über einen selbstgesteuerten, lebendigen Wahrnehmungs-, Auseinandersetzungs- und Verarbeitungsprozess. Das Kind ist voll natürlicher Neugier, die Welt zu verstehen und in eine Beziehung zu sich setzen. Es entsteht ein Selbstbild, ein Bild von anderen Menschen, ein Bild von Dingen, Phänomenen und Ereignissen. Unserem Verständnis nach braucht es weitaus mehr als angehäuftes Wissen, über welches das Kind vermeintlich verfügen muss. Seine Erfahrungen, sein Können und die Anforderungen seiner Lebenswelt unterstützen es darin, sein Leben sinnstiftend zu gestalten und zu deuten. Diese lernende und erkundende Auseinandersetzung ist ein lebenslanger und selbstaktiver Prozess, der in der Kindheit angelegt wird.

Spiel ist die Arbeit des Kindes. Als kindliche Aneignungstätigkeiten von Welt sind Spiel und Lernen untrennbar miteinander verbunden. Im Spiel öffnet das Kind eine „unsichtbare Tür“ in eine andere Welt. Mit Phantasie, Lust und Mut. Dort macht es grundlegende Erfahrungen, die es nur dort machen kann.

Das Kind hat Zugang zu seinen Bedürfnissen und Gefühlen. Es steht für die damit verbundenen tieferen Anliegen ein. Es findet individuelle Ausdrucksweisen und - möglichkeiten, um sie nach außen zu tragen und aufrichtig in eine Gemeinschaft einzubringen.

Wesentlich für das Wachstum eines Kindes ist Resonanz. Wir verstehen darunter sowohl ein Mitschwingen mit dem Kind als auch das Erwidern einer Schwingung. Resonanz, die das Kind über alle Sinne abruft. Wir gehen davon aus, dass ein Kind das Bedürfnis hat, glücklich, lebendig und tief verbunden zu sein. Und wir glauben, dass es das Bedürfnis danach hat, schöne und schöpferische Momente zu erleben.